Verstehende Tiefenpsychologie

Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.

(Wilhelm Dilthey)
Prof. Dr. Josef Rattner in weissem Anzug
Josef Rattner

Verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse

Verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse, so lautet der Doppelname, unter dem Josef Rattner seine Lehre von den anderen Schulen des Psychoanalytischen Denkens abhebt. Was vor gut 50 Jahren in Berlin als Arbeitskreis für Tiefenpsychologie ins Leben gerufen wurde, besteht heute weiter als Josef Rattner Stiftung -  Akademie für Verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse, ergänzt von einem Ausbildungsinstitut für Psychotherapeuten ITGG. Nach seinem Rückzug aus der psychotherapeutischen Arbeit ist das Haus Eichenallee 6 in Berlin-Westend als Lehr- und Lernstätte denen anvertraut, die nach Kräften das Lebenswerk Josef Rattners in Praxis und Theorie weiterführen.

Worin gründet nun der Anspruch der Verstehenden Tiefenpsychologie? Der Name verweist auf die Verbindung von hermeneutischer Praxis und anthropologisch-kulturtheoretischer Fundierung; er spielt auf den Sachverhalt an, dass die Tiefenpsychologie nicht nur in der Tradition Sigmund Freuds steht, sondern auch eines expliziten philosophischen und ideologiekritischen Fundaments bedarf, wie es vor dem Kulturbruch durch zwei Weltkriege im deutschsprachigen Raum noch lebendig war.

Wir verstehen uns als Lerngemeinschaft, in der Gruppentherapie und Bildung zusammengehören. Wie schon bei S. Freud und A. Adler, um die sich ebensolche Gruppen gebildet hatten, bedeutet diese Gemeinschaft für den Mentor und seine Mitstreitenden (Psychotherapeutinnen, Supervisoren, Dozentinnen, Lehrer, Ärztinnen) eine Praxis von Lernen, Forschen und Lehren.

Mit dem zweiten Namensteil Kulturanalyse knüpft die Verstehende Tiefenpsychologie an die neue Weltsicht an, wie sie sich in der Aufklärungszeit zu formieren begann. Dazu gehört eine anthropologische Fundierung aller Wissenschaft vom Menschen. Da wir nur als Gesellschaftswesen leben können, sind alle Fragen von Gesundheit und Krankheit in diesem Gesamtkontext sinnvoll zu behandeln. Wir erkranken in und an der gegebenen Kultur, so dass - im Geiste Freuds betrachtet - die ganze Kultur der Patient ist.

Die Verantwortlichen für diese Website sind seit Jahrzehnten der Verstehenden Tiefenpsychologie verbunden. Es ist uns ein Anliegen, unsere psychotherapeutische Arbeit in dieser Form zu reflektieren, so dass im Laufe der Zeit eine Art Kompendium zur Praxis und Theorie der Verstehenden Tiefenpsychologie entsteht. Heute gebräuchliche psychoanalytische Grundbegriffe werden in ihrer Tradition erläutert, so dass ihre Problemgehalte wieder deutlicher hervortreten können. Denn unsere noch junge Wissenschaft entstand in einer geistigen Atmosphäre, die den neuartigen Blick auf den Menschen gegen die Betrachtungsgewohnheiten ihrer Zeit etablieren musste. Sie stand in manchem gegen den Alleinerklärungsanspruch eines naturwissenschaftlichen Szientismus, der für seine Vorrechte auf unübersehbare Erfolge pochen konnte. Wir hingegen suchen Beistand auf Seiten einer leiseren, aber vielleicht nicht weniger eindrucksvollen Kulturtradition: Essayistische Ausflüge in Kunst, Literatur, Wissenschaft und Weltanschauung sollen beispielhaft die Tragweite einer kulturanalytischen Betrachtungsweise veranschaulichen. 

Ein Kompendium

Mit dieser Website soll im Laufe der Zeit ein Überblick grundlegender Schlüsselbegriffe Verstehender Tiefenpsychologie versammelt werden. Die noch unübersehbaren Lücken werden sich allmählich und in gemächlichem Tempo weiter füllen. Dabei geht es nicht um formal definitorische Exaktheit. Diese beruht gewöhnlich  auf den erkenntnistheoretischen Vorlieben des Definierenden, auf dem, was dem entsprechenden wissenschaftlichen Milieu als selbstverständlich gilt. Unsere Betrachtung ist im Wesentlichen von der Phänomenologie inspiriert und geht vom Lebensalltag aus. Damit bevorzugen wir die sprachlichen Vorbilder in Dichtung und Philosophie, die bei der Bemühung um Begrifflichkeit zur Unterstützung herangezogen werden.

Seit Freuds Tagen haben sich immer wieder neue Schulrichtungen herausgebildet, welche grundsätzliche Hypothesen der Vorläufer in Frage stellten, Grundbegriffen eine neue Bedeutung zuwiesen und von hier aus ein eigenes Lehrgebäude errichteten. Nur wenige Vertreter des Schulenstreits sind und waren philosophische Köpfe, die auch die anthropologischen und ontologischen Grundlagen eigens mitbedachten. So eröffnet sich uns ein weites Feld, das es weiter und tiefer zu beackern gilt.